Die Bewegung für Naturrechte ist inzwischen über zwei Jahrzehnte alt und hat konkrete Spuren in den Rechtssystemen der Welt hinterlassen. Ecuador hat 2008 als erster Staat die Natur als Rechtssubjekt in seine Verfassung aufgenommen; Neuseeland hat 2017 dem Whanganui-Fluss eigene Rechte zuerkannt; das kolumbianische Verfassungsgericht hat 2016 den Río Atrato als Rechtsperson anerkannt; und Spanien hat 2022 dem Mar Menor als erstem Ökosystem in Europa eigene Rechte gegeben — und das in einem säkular-westlichen Rechtssystem, ohne indigene oder spirituelle Begründung. 2024 hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Gutachten OC-32/25 Natur als eigenständiges Rechtssubjekt im inter-amerikanischen System verankert. In rund vierzig Staaten wird inzwischen über Naturrechte debattiert, in mehr als zwanzig stehen entsprechende Gesetze oder Urteile. Die Frage hat sich gewandelt: sie betrifft inzwischen die konkrete Verankerung solcher Rechte in europäischen Rechtsordnungen.
Warum die Spree?
In Deutschland steht das Thema bislang am Rand der politischen Debatte. Die Initiative Rechte der Spree, eingebettet in die naturraumbasierte Co-Hüterschaft Spree-Havel und getragen vom Verein Rechte der Natur e.V., arbeitet seit Herbst 2025 daran, einen konkreten Fall zu setzen. Die Spree eignet sich aus mehreren Gründen. Sie verläuft durch drei Bundesländer (Sachsen, Brandenburg, Berlin) und macht die Diskrepanz zwischen politischen Grenzen und ökologischen Realitäten unmittelbar sichtbar. Sie steht unter einem dokumentierten Druck: Braunkohleausstieg und die nachlaufende Sulfatfracht aus den hinterlassenen Tagebau-Kippen, Grundwasserabsenkung, PFAS-Belastung, regelmäßig erreichte Niedrigwasserschwellen. Und sie hat eine kulturelle Tiefe, die das Thema weit über die rein ökologische Frage hinaushebt — vom sorbischen Wassergedächtnis im Spreewald über die preußisch-industrielle Aneignung bis zur heutigen Berliner Trinkwasserabhängigkeit.
Warum eine Kajaktour?
Vieles über einen Fluss lässt sich leichter sagen, wenn man durch ihn — im wahrsten Sinne des Wortes — getragen wird. Mariluz Nova-Laverde und Edgar Pineda Martínez (Universidad La Salle, Bogotá) sprechen in ihrer kolumbianischen Forschung vom cuerpo-territorio: dem Erfahren von Territorium über den eigenen Körper. David Abram hat im Spell of the Sensuous beschrieben, wie die alphabetische Schrift die Bedeutung vom Körper getrennt und das Gespräch mit dem Mehr-als-Menschlichen hat verstummen lassen. Robin Wall Kimmerer schreibt von einer grammar of animacy — einer Sprache, in der der Fluss als lebendiges Gegenüber erscheint. Eine paddelnde Versammlung kehrt die Abstraktionsbewegung um. Sie bringt Menschen tagelang in körperlichen Kontakt mit dem Fluss, bevor über ihn gesprochen wird, und sie hat eine Dauer, die das Beobachtungsfenster gewöhnlicher Pressetermine sprengt.
Die drei Spreen
Die Strecke führt durch drei verschiedene Teile des Flusses, der unser Leben ist. Im Oberlauf um Cottbus ist der Schaden am sichtbarsten — Braunkohleausstieg, Sulfatfracht, Wasserverlust von bis zu sechzig Millionen Kubikmetern pro Jahr. Wir starten dort und sprechen mit Menschen aus der Region, die mit dem Fluss zu tun haben. Im Spreewald — Biosphärenreservat seit Anfang der 1990er Jahre, rund 480 Quadratkilometer Kernfläche, ein Wassernetz von etwa 1.000 Kilometern Fließen — ist Wasser zugleich Infrastruktur, Wirtschaftsgrundlage und Sprache. In Berlin landen wir am Samstag in Treptow. Die Berliner Trinkwasserversorgung hängt wesentlich von Spree und Havel ab — über Uferfiltrat und Grundwasseranreicherung, also über funktionierende Flussökosysteme. Die Frage nach den Rechten der Spree ist damit zugleich eine Frage der städtischen Daseinsvorsorge, mit erheblicher rechtlicher Reichweite.